In Allgemein

Als Psycho nochmal Psychologie studieren – ein Erfahrungsbericht

Hey, mein Name ist Simon und ich habe 2024 mit 37 Jahren nochmal angefangen zu studieren. Psychologie, was sonst, bei meinem Hintergrund!

Mein Hintergrund

Apropos – was meinen Hintergrund angeht, hier ein paar Randpunkte:

Ich habe 2012 das erste Mal Kontakt mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung und Therapie gehabt und war sofort Feuer und Flamme dafür! Fast schon mit den ersten Seiten der Bücher, die ich in die Finger bekam, spürte ich eine unheimliche Faszination für diese Materie! Sie kombinierte für mich die spannendsten Bereiche des Lebens! Es geht um philosophische Fragen: Was ist Erfahrung? Wie wird sie konstruiert? Was ist Wahrheit? Gibt es so etwas überhaupt? Wenn es keine Wahrheit gibt, die in der Welt liegt, dann liegt die Wahrheit in uns! Und so entsteht Freude und auch Leiden!

Und diese philosophischen Fragen stehen nicht einfach für sich, sondern in einem ganz konkreten Zusammenhang mit uns! Es geht um das, was uns im Innersten zusammenhält, das, woraus wir bestehen: unserer Psyche oder etwas pathetischer – unserer Seele!

Du merkst schon, es sind die großen Fragen, um die es da geht! Und all das vereint in einem: die Arbeit mit der Psyche!

Mir war mehr oder weniger sofort klar, dass es das ist, was ich möchte.

Zu diesem Zeitpunkt war ich 26 Jahre alt und bis dahin ist mein Leben nicht gerade mit einer klaren Ausrichtung verlaufen. Ich hatte eine Tontechnikausbildung hinter mir, in diesem Bereich gearbeitet, ein Musikstudium am Laufen und die Idee, nun noch mindestens 5 Jahre Psychologie zu studieren, um dann erst zu beginnen therapeutisch zu arbeiten, war wirklich sehr unsexy. Zudem war mir klar, dass das Studium selbst sehr trocken, mit viel Auswendiglernen und sehr wenig Praxis verbunden sein wird.

Also entschied ich mich für den schnelleren und pragmatischeren Weg und besuchte Kurse, in denen die spannenden Inhalte direkt vermittelt wurden, und machte einen Heilpraktiker für Psychotherapie. Durch glückliche Umstände begann ich so bereits 3 Jahre später zu praktizieren und gab selbst über Jahre hinweg Kurse im Bereich Persönlichkeitsentwicklung. Alles in allem lebe ich also seit 2015 im weitesten Sinne von Coaching, Training und Therapie. Und das hatte verdammt viele Vorteile: Ich habe immer spannende Weiterbildungen, habe Kontakt mit motivierten Klienten, bin selbst regelmäßig in Supervision und Selbsterfahrung, beschäftige mich mit den spannendsten Fragen des Menschseins, bin in der Lage, Menschen zu helfen und genieße deren Vertrauen – kurz: Ich liebe meinen Job, es ist meine Passion!

Warum dann jetzt studieren?

Je länger ich in meinem Beruf war, desto klarer wurden mir einige Dinge. Der Weg, den ich wählte, war zwar sehr pragmatisch, hat aber einige Einschränkungen zur Folge:

Selbstständigkeit: Als Heilpraktiker für Psychotherapie gibt es keine Anstellungen. Das bedeutet, der einzige Weg, diesen Beruf auszuüben, ist die Selbstständigkeit, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Ich mag das selbstständige Arbeiten zwar ganz gerne, aber es fordert viel! Marketing, Buchhaltung, Weiterentwicklung des „Unternehmens“, Finanzplanung… Und dann natürlich noch die Tätigkeiten, mit denen das Geld verdient wird. Es gibt wenige Tage, an denen ich das Gefühl habe „fertig“ zu sein, die Selbstständigkeit ist immer im Hinterkopf. Mal lauter (wenn es weniger Anfragen gibt als normalerweise), mal leiser, aber in irgendeiner Form begleitet sie mich fast immer.

Ganz eng verbunden mit der Selbstständigkeit: das „Einzelkämpfertum„. Na klar – wenn ich in der Praxis bin, habe ich Kontakt mit meinen Klienten, und wenn ich ein Training gebe, habe ich Kontakt mit meinen Teilnehmern. Aber mit meinem Tätigkeitsprofil gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, in einem Teamzusammenhang zu arbeiten, es sei denn, man erweitert das Unternehmen um Angestellte, aber dann wäre ich nicht Teil eines Teams, dann wäre ich Chef.

Einschränkungen in der professionellen Entwicklung: Als Heilpraktiker für Psychotherapie habe ich, mit Einschränkungen, die Erlaubnis, mit Menschen zu arbeiten, deren psychische Beschwerden Krankheitswert haben. Verglichen mit anderen Berufsgruppen, die diese Erlaubnis ebenfalls haben, ist die Erlaubnis als Heilpraktiker aber die, die am wenigsten ins Gesundheitssystem integriert ist. Das ist meiner Meinung nach auch völlig in Ordnung und verständlich, bei der Expertise, die Heilpraktiker in der Überprüfung beim Gesundheitsamt nachweisen müssen – nämlich primär, dass sie abschätzen können, dass sie keinen Schaden anrichten. Dass man den Beruf des Heilpraktikers mit höheren Anforderungen und Pflichten versehen und dann auch ins Gesundheitssystem integrieren könnte, steht auf einem anderen Blatt.

Für mich heißt das aber: Mir werden als Mensch, der psychotherapeutisch auf Heilpraktikerbasis arbeitet, bestimmte Türen verschlossen bleiben.

Hier ein paar Beispiele:

  • Die Mitarbeit in interdisziplinären Teams, zum Beispiel in Tageskliniken
  • Klinische Settings im Allgemeinen: Psychosomatische Reha, Sucht, Psychiatrie
  • Ausbildung und Supervision von angehenden Psychotherapeuten
  • Forschung und Mitwirkung als Therapeut in der Forschung
  • Leitende Funktionen, z. B. als Leitender Psychologe

Wie du schon mitbekommen hast, ist dieser Beruf meine Passion. Und du kannst dir sicherlich vorstellen, wie attraktiv die obenstehenden Möglichkeiten für mich sind und wie frustrierend, dass mir diese nicht offenstehen.

Während in den 20ern der von mir eingeschlagene Weg sehr stimmig und zum damaligen Zeitpunkt auch sinnvoll war, drängte sich mir in den letzten Jahren immer mehr die Frage auf, ob ich nicht doch langfristig einen zu großen Preis zahle und ob ich nicht lieber jetzt einen Preis zahlen sollte und noch einmal für 5 Jahre die Schulbank drücke, um die restlichen 30 Jahre meines Erwerbslebens größere Freiheiten zu haben.

Und so kam es, dass ich mich letztes Jahr im April dazu entschloss, diesen Weg einzuschlagen.

Welche Uni?

Mit meiner Anzahl an Wartesemestern (ca. 36) komme ich überall rein! HU oder FU, ich komme! Dachte ich! Leider wurde ich da sehr schnell eines Besseren belehrt: Seit 2023 werden die Wartesemester auf 7 begrenzt und dann zählt wieder der NC, der in meinem Fall… nun ja… nicht allzu berauschend ist. Damit sind mehr oder weniger alle staatlichen Unis rausgefallen, zumal ich meinen Lebensmittelpunkt und meine Praxis weiterhin in Berlin behalten wollte. Apropos Praxis: Die wollte ich natürlich weiterführen. Einerseits aus finanziellen Gründen, andererseits würde ich diesen Teil meines Lebens nicht 5 Jahre missen wollen!

Etwas weitergedacht ist das natürlich auch etwas, was gegen eine Präsenzuni spricht: Die Fahrtwege und verteilten Vorlesungszeiten sind nicht gerade förderlich, wenn es darum geht, sie mit einem Beruf zu kombinieren.

Also eine Fernuni? Gute Idee, die haben keinen NC, aber haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sind nicht approbationskonform! Was heißt das? 2020 wurde die Psychotherapieausbildung reformiert. Von da an gab es die Möglichkeit, einen Master in klinischer Psychologie und Psychotherapie zu machen, der direkt mit einer Approbation, also einer Zulassung zum Psychotherapeuten abschließt.

Und eine Voraussetzung, diese Approbation zu bekommen, ist, dass alle Module innerhalb des Studiums in Präsenz besucht wurden. Also: Fernuni = nicht approbationskonform = keine Option, wenn man Psychotherapeut werden möchte.

Ok, dann also Privatuni. Dann doch Präsenz. Und da gibt es einige in Berlin. Also recherchieren. Und während ich so recherchierte, stoße ich auf ein Video, welches in einem Nebensatz eine Uni mit einem approbationskonformen Quasi-Fernstudium erwähnte. Mein Interesse war geweckt und so stoße ich auf die Vinzenz Pallotti University (im Folgenden VPU). Eine private Hochschule im Universitätsrang mit Sitz in der weltbekannten Pilgerstadt Vallendar (nein, ich hatte diesen Namen auch noch nie gehört. Es ist quasi ein Vorort von Koblenz). Aber wie ging das zusammen: Fernuni und approbationskonform? Nun ja: Die VPU hat sich folgende Frage gestellt: Wie sehr können wir die Präsenzzeiten von Studierenden reduzieren, damit es noch als Präsenzstudium gilt? Und die Antwort war 3 mal 5 Tage im Semester. Der Rest findet online statt.

Das klang sehr interessant! 3 mal 5 Tage pro Halbjahr nicht in Berlin zu sein und den Rest Online-Vorlesungen zu haben, klang viel attraktiver und besser mit meiner Arbeit zu vereinbaren als ein Präsenzstudium mit Pendeln und Pausenzeiten.

Und so kam es, dass ich einen Vertrag mit der VPU unterschrieb und zum 01.10.2024 wieder Student wurde.

Der erste Schritt war geschafft!

Die ersten Wochen im Psychologiestudium

Waren anstrengend und überfordernd! Auf einmal wieder die Schulbank drücken, zusammen mit 80 anderen! Hineinfinden in Online-Vorlesungen, Aufgaben zur Prüfungszulassung. Wieder lernen lernen. Was ist relevant, was kann ich sein lassen. Was wollen die hier von mir? Wie hoch ist der Anspruch?

Diese und 1000 andere Fragen stellten sich mir mit aller Wucht. Und nicht nur einmal habe ich überlegt, es einfach sein zu lassen.

Zum Glück hab ich ja ein bisschen Kompetenz im Umgang mit temporären Ausnahmesituationen und hatte mich im Vorhinein schon darauf vorbereitet, dass das passieren würde. Es war dennoch beeindruckend, wie in den ersten Tagen heftige Fluchtimpulse hochkamen. Selbstverständlich in Verbindung mit Versagensängsten und Überforderung.

Auch wurde mir klar, dass ich ein Problem bekommen würde:

Ich mag es gerne, mich mit Dingen so zu beschäftigen, dass ich mich wirklich gut mit ihnen auskenne.

Gleichzeitig wurde mir relativ schnell klar, dass der Stoff, den es zu lernen gibt, das Maß dessen, was man in der Zeit tatsächlich gut und tief verstehen kann, aufs Heftigste übersteigt.

Ursprünglich hatte ich gehofft, mit ein bisschen smarter Energieeinteilung den Aufwand für das Studium in Grenzen zu halten. Aber je mehr ich ins Studieren kam, desto klarer wurde mir, dass sich diese Hoffnung sehr mit meinem Wunsch zu verstehen biss.

Also musste ich in den sauren Apfel beißen und

Lernen, lernen, lernen: Über Ankis und KI

Ich erzähle euch nichts Neues, wenn ich euch sage: Psychologie ist ein Lernfach. Gesegnet seien die, die sich in kürzester Zeit einfach ganz viel Wissen reinballern können, die Prüfung schreiben und es danach wieder vergessen. Dafür ist dieses Studium wie gemacht. Leider.

Aber es führt nichts drum herum, als sich den Stoff gnadenlos reinzuschaufeln. Was die „sequentielle Modulation der Kongruenzeffekte“ beschreibt, wusste ich noch vor einem halben Jahr, genauso wie, was genau der „Gyrus angularis“ in unserem Hirn so treibt. Jetzt ist das Wissen um beides nur noch rudimentär vorhanden.

Und was Lernen angeht, gibt es leider keine Abkürzung. Man muss sich halt hinsetzen und mit Hilfe von stumpfer Wiederholung das Zeug reinknallen.

Naja… fast. Es gibt tatsächlich digitale Tools, die es mir erleichtert haben, diesen Aufwand zu betreiben.

Das eine ist eine Art digitaler Zettelkasten und heißt Anki. Mit Anki lassen sich „Ankis“, also digitale Karteikarten erstellen. Diese Karteikarten werden dir von Anki dann gehirnfreundlich in bestimmten Intervallen immer wieder präsentiert. Und das Coole ist, dass man Screenshots reinmachen kann, Texte aus Vorlesungsfolien oder Lehrbüchern copy-pasten usw., also alle Vorzüge des Digitalen nutzbar sind.

Aber jetzt kann es sein, dass man so einen Wortsalat wie „die sequentielle Modulation der Kongruenzeffekte“ einfach nicht versteht. Und hier kommt mein allerbester Lernfreund ins Spiel: KI. Was bin ich froh, dass ich sie habe. Neben dem, dass sie hervorragend für Zusammenfassungen von Buchkapiteln, aber auch von Studien geeignet ist, ist sie ein hervorragender Lernbegleiter.

Stell dir einfach vor, du kannst bei allem, was du nicht weißt oder verstehst, jemanden fragen, der das echt gut verstanden hat und er erklärt es dir immer wieder, du kannst die blödesten Fragen stellen, und zwar für so gut wie alle Fächer! „Bitte erkläre mir die ‚sequentielle Modulation der Kongruenzeffekte‘ so, dass es ein 9.-Klässler versteht und gib mir ein Beispiel.“ War eine meiner beliebtesten KI-Anweisungen.

Und diese Erklärungen kann man dann natürlich wieder in die Ankis mit aufnehmen usw.

Zudem ist in letzter Zeit auch noch die Sprachfunktion von KIs sehr gut geworden, so dass man in einem Dialog mit ihnen ein Verständnis erarbeiten kann.

Ich weiß, dass es Menschen gegeben haben muss, die ohne KI studiert haben (ich ziehe meinen Hut), aber ich bin echt froh, dass ich dieses Werkzeug zur Verfügung habe, gerade weil es mir ermöglicht, mehr Verständnis aus dem Studium zu generieren. Meine Zeit, die ich zum Lernen aufwenden kann, ist begrenzt und es ist eine riesige Erleichterung, „jemanden“ an meiner Seite zu haben, der sich mit mir hinsetzt und den Stoff so durchgeht, dass ich ihn verstehe.

Und wie ihr so mitbekommt, geht es sehr viel um Fakten, Daten, Zahlen. Keine Spur von Selbsterfahrung, Rollenspielen, Vorbereitung auf Patientenkontakt usw.

The Good and the Bad

Das Psychologiestudium ist ein zweischneidiges Schwert! Es hat viele gute Seiten, aber es gibt meines Erachtens auch einiges, das kritikwürdig ist.

Lasst uns mal mit dem Guten starten:

Es wird viel Wert auf die Grundlagen gelegt. Und es gibt 3 Fächer, die an meiner Uni in den ersten beiden Semestern herausstechen – und zwar dadurch, dass sie in beiden Semestern unterrichtet wurden und Grundlage für das Verständnis im weiteren Studienverlauf sind.

Hier sind sie: Statistik, Allgemeine Psychologie und Neuro-/Biopsychologie.

Ich persönlich kann dem recht viel abgewinnen.

Am meisten fasziniert mich Neuro-/Biopsychologie – Es ist schon cool, das Gehirn in all seinen Bestandteilen kennenzulernen, zu verstehen, wie das Neurotransmittersystem funktioniert, wie das Zusammenspiel von Gehirn, Hormonsystem, dem peripheren Nervensystem und dem restlichen Körper ist! Hier ist viel Auswendiglernen angesagt, aber Stück für Stück bildet sich ein Verständnis für die Zusammenhänge der einzelnen Strukturen.

Dann ist da das Fach, vor dem traditionell die meisten Angst hatten – so auch ich: Statistik. Meine Leistungen in Mathe in der Schule waren zwischen gut und mittelmäßig. Umso erstaunlicher, als ich herausgefunden habe, dass ich Statistik echt cool finde. Grob gesagt geht es darum, einerseits das, was in der Welt so passiert, in Zahlen darzustellen und auf mögliche Zusammenhänge zu überprüfen. Hierbei werden Hypothesen aufgestellt, die dann mit Hilfe mathematischer Modelle überprüft werden.

Neben dem mathematischen Vordergrund spielt sich aber im Hintergrund immer eine philosophische Frage ab: Wie kommen wir zu Erkenntnis? Und sind die Mittel, mit denen wir es versuchen, geeignet? Was sind die blinden Flecken der Methoden und wie können wir versuchen, diese möglichst gering zu halten?

Ich mag die Idee, Zusammenhängen auf die Schliche zu kommen, für die wir im Alltag blind und voreingenommen sind. Die Mischung aus Mathematik, dem erkenntnistheoretischen Hintergrund und dem Versuch, die Welt abzubilden, gibt mir das, was mir in Schul-Mathematik immer gefehlt hat: einen Anwendungszweck!

Bleibt noch die Allgemeine Psychologie. Zu der habe ich bisher das ambivalenteste Verhältnis, was aber dem Lehrkonzept meiner Dozentin zu verdanken sein dürfte.

Im Prinzip werden in der allgemeinen Psychologie die Konzepte und Paradigmen (ein fancy Wort für Experimente) aus den verschiedenen Teilbereichen der menschlichen Psyche gelehrt. Das sind die folgenden: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Wissen, Lernen, Problemlösen, Denken, Entscheiden, Sprachproduktion, Sprachverstehen, Emotion, Motivation und Psychomotorik. Wie man schon bemerkt, haben diese Teilbereiche nicht allzu viel Überschneidung miteinander, außer, dass sie eben zur menschlichen Psyche gehören. Das bedeutet: Für jedes dieser Teilbereiche gibt es ausgiebige Forschung, welche aus Theorien einerseits und Überprüfung dieser Theorien mittels Paradigmen andererseits besteht. Es ist schlicht verdammt viel Stoff, nur stellenweise spannend, bildet aber die Grundlage, um ein Verständnis für die Art und Weise zu entwickeln, wie in der Psychologie Forschung betrieben wird.

Merkst du was? Bisher ging es noch nicht einmal um das, was in uns abgeht. Wie Menschen ihre Welt von innen heraus erleben, geschweige denn, wie man dem in einem therapeutischen Kontakt begegnen könnte. Und das hat System und wird sich auch bis zum Master nicht ändern und auch dort nur teilweise.

Meine kritischen Punkte betreffen gar nicht einzelne Fächer, sondern eher die grundsätzliche Ausrichtung des Studiums:

Frustrationspotential: Wer Therapeut werden will, muss zuerst Wissenschaftler werden!

Schon interessant, oder? Wie kommt es eigentlich, dass das Studium des menschlichen Geistes ein naturwissenschaftliches und kein geisteswissenschaftliches ist?

Es gibt zwei fundamental verschiedene Perspektiven in der Betrachtung der menschlichen Seele: einerseits die Innenperspektive, welche das subjektive Erleben ganz direkt aus der Erfahrung heraus versucht zu verstehen. Heiß, emotional, nah! Und andererseits die Außenperspektive, die versucht, die subjektiven psychischen Phänomene zu objektivieren. Kalt, rational und distanziert.

Im Laufe der Geschichte der Psychologie hat sich eine Tendenz hin zu Letzterem entwickelt. Und so saß ich in einer Statistikvorlesung und hörte den Satz, der die Ausrichtung des Psychologiestudiums auf den Punkt bringt: „Wer Therapeut werden will, muss zuerst Wissenschaftler werden.“

Nicht, dass mich das geschockt hätte! Ich wurde von Freunden und Bekannten ausreichend darauf vorbereitet! Frustrationspotential hat es trotzdem. Die ersten 3 Jahre (also der Bachelor) des Studiums, welches zur Erlangung der Approbation zum Psychotherapeuten führt, geht es fast ausschließlich darum, die Kompetenzen zu erlangen, die man braucht, um saubere psychologische Forschung zu betreiben. Natürlich hat das auch was für sich: So hofft man sicherzustellen, dass die angehenden Psychotherapeuten in der Lage sind, ihr Wirken kritisch zu hinterfragen, wissenschaftliche Publikationen lesen zu können und ihre Therapie an den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten.

Gleichzeitig bleibt aufgrund des starken naturwissenschaftlichen Fokus das Verständnis der menschlichen Psyche von innen heraus fast komplett auf der Strecke: Was ist mit den Erkenntnissen, die Generationen von Therapeuten vor uns bereits erlangt haben? Wo bleibt im Studium eine intensive Auseinandersetzung mit den Modellen von Freud, Jung, Perls, Satir, Erickson, usw.?

Wäre es nicht sinnvoll, die verschiedenen Therapierichtungen intensiv zu beleuchten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszustellen, sie in Selbsterfahrungssettings selbst zu erfahren?

In meinem Semester sind 80 Menschen, die mit dem Studium darauf abzielen, therapeutisch zu arbeiten. Müssen die wirklich alle Wissenschaftler werden?

Hier zeigt sich meine Frustration gegenüber der aktuellen Regelung des Ausbildungsweges für angehende Psychotherapeut*innen. Meines Erachtens werden durch den großen Fokus auf Forschung Menschen, die das Potential hätten, tolle Therapeuten zu werden, abgeschreckt, diesen Weg zu gehen. Die, die den Weg beschreiten, müssen ein 3-jähriges, forschungsbezogenes Bachelorstudium hinter sich bringen. Eine lange Zeit, in der viel Potential zum Lernen von konkretem, anwendungsbezogenem Wissen ungenutzt bleibt.

Und so muss dieses Wissen dann in der postgradualen Weiterbildung erlangt werden.

Postgraduale Weiterbildung? Ja, du hast richtig gelesen, denn nach den 5 Jahren Bachelor und Master kann ich zwar die Approbation erwerben, aber habe noch keine Fachkunde. Das bedeutet: Ich darf noch nicht mit Privaten oder Gesetzlichen Kassen abrechnen. Dafür muss erst eine 5 Jahre lange postgraduale Weiterbildung absolviert werden. Frustrationspotential? Sowas von! Denn die wird ja vor allem dadurch nötig, weil das Studium selbst die Fähigkeiten, die zur Behandlung von Patienten nötig sind, nicht ausreichend vermittelt.

Meine Praxis: der beste „Studentenjob“ der Welt

Ich bin wirklich sehr froh, dass ich bereits praktiziere. So habe ich den absolut besten Beruf, den ich mir begleitend zum Psychologiestudium vorstellen kann. Ich habe Praxis in der Praxis und naturwissenschaftliche Schulung im Studium.

Es würde mir sehr schwer fallen, diesen langen Weg auf mich zu nehmen, wenn ich nicht bereits den Hintergrund hätte, den ich mir über die letzten 10 Jahre aufgebaut habe.

Ab und an denke ich an mein 26-jähriges Selbst und begegne ihm vorwurfsvoll, dass er sich dafür entschieden hat, den Weg der Selbstständigkeit einzuschlagen anstelle eines Studiums. Aber: Ich kann ihn sehr gut verstehen! Schließlich habe ich mich damals ja wegen der fehlenden Praxis gegen das Studium entschieden – etwas, was ich jetzt beim Studieren nur bestätigen kann.

Und tatsächlich kann ich meinem 26-jährigen Selbst dankbar sein! Denn aufgrund seiner Entscheidungen habe ich nun bereits eine Praxis, zig Weiterbildungen im Petto und ein fundiertes Verständnis von dem, was ich in Therapie und Coaching mache – etwas, was meine Kommilitonen erst nach dem Master erleben werden.

Zwischenfazit nach einem Jahr im Psychologiestudium

Und so sitze ich hier und überlege, was mein Fazit von diesem Jahr ist. Sicherlich ein ambivalentes.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass wir eine psychotherapeutische Ausbildung haben, die praxisnah ist, die sich mit den relevanten Anforderungen und Herausforderungen des Berufs beschäftigt, aber das kann ich leider nicht. Meine Kritik und Ambivalenz gegenüber der jetzigen Art und Weise, angehende Psychotherapeuten auszubilden, hast du sicherlich schon rausgelesen.

Gleichzeitig bin ich froh, nun diesen Schritt gemacht zu haben und im Studium angekommen zu sein. Glücklicherweise kann ich dem wissenschaftlichen Denken eine Menge abgewinnen und die intensive Beschäftigung mit der Außenperspektive auf unseren Geist erweitert meinen Blick und mein Verständnis für die menschliche Psyche, was mich wiederum in meiner Arbeit mit meinen Klienten weiterbringt.

Und was in diesem Text noch gar keine Erwähnung gefunden hat, aber sehr relevant ist: Ich habe wirklich tolle Kommilitonen! Liebste Grüße an dieser Stelle – ihr seid super!

Die Zeit, die ich mit dem Studium verbringe, ist vor allem eine Investition in meine Zukunft und die Möglichkeiten, die sich mir dadurch eröffnen werden. Ich hoffe, dass mein 60-jähriges Ich einmal an diese Zeit zurückdenkt und sich denkt: Das waren verdammt viele Karteikarten, die ich damals auswendig gelernt habe, aber das war es wert!

 

Neueste Beiträge

Beginnen Sie mit der Eingabe und drücken Sie Enter, um zu suchen