Ökologie der Veränderung – Der primäre Krankheitsgewinn
Es ist 23:59 Uhr am 31. Dezember und kurz nachdem die Korken knallen, wird sich über die Vorsätze fürs neue Jahr unterhalten. Sober January, mehr Sport, weniger Rauchen, weniger Essen, überhaupt mehr Selbstbewusstsein, Karriere, alles anders, ab ins Gym! Und nach motivierten ein bis zwei Monaten hat sich dann bis Ende des Jahres meist wieder die gute alte Routine eingependelt.
Dabei waren die Vorsätze doch ziemlich hervorragend, oder? Dieses Phänomen, dass Veränderung aus irgendeinem magischen Grund nicht immer so schnell und einfach gelingt, kennen wir alle. Wieso zur Hölle aber klappt es denn nicht?
In diesem Artikel geht es um die These, dass eine Ursache für das Nichtgelingen von Veränderung die Konsequenzen sind, die die gewünschte Veränderung mit sich bringt. Hä? Ja! Genau, du hast richtig gelesen! Die Konsequenzen, die die Veränderung mit sich bringt!
Im Bewusstsein eines Veränderungswilligen befinden sich in der Regel nur die wünschenswerten Konsequenzen der Veränderung. Ist ja auch klar, sonst wäre die Veränderung ja nicht wünschenswert!
Nicht bewusst ist meist, dass eine Veränderung in der Regel auch Aspekte beinhaltet, die nachteilig sind, oder andersherum formuliert: dass die Symptomatik auch Facetten beinhaltet, die wünschenswert sind. Da diese Aspekte aber meist unbewusst sind, entsteht der Eindruck: Ich will mich verändern, aber aus irgendeinem Grund geht es nicht.
Im NLP hat sich der Begriff der Veränderungsökologie eingebürgert. Die Frage, die dahintersteht, ist: Ist die angestrebte Veränderung ökologisch? Mit ökologisch sind in diesem Fall aber nicht Biohippies in Landwirtschaftskommunen, die die Welt retten, gemeint, sondern die „Wissenschaft des Zusammenwirkens lebendiger Organismen mit sich und der Umwelt“. So definiert jedenfalls die vertrauenswürdige Quelle Wikipedia den Begriff Ökologie.
Die Frage nach der Ökologie einer Veränderung ist also die Frage, inwiefern die gewünschte Veränderung das Zusammenwirken einer Person mit sich selbst und ihrer Umwelt beeinflusst.
Ökologie der Veränderung – Eine systemische Denkweise
Die Frage nach der Ökologie einer Veränderung ist eine systemische Denkweise. Diese Art des Denkens über Veränderung steht im Kontrast zur individuellen Sichtweise auf Menschen mit ihrem Veränderungswunsch. Lass mich das gerne ein bisschen genauer beleuchten.
Wenn wir einen Menschen nur mit seinem gegenwärtigen Leid und seinen Veränderungswünschen betrachten, so ist es häufig unverständlich, weshalb dieser Mensch die Symptomatik nicht hinter sich lassen kann und die angestrebte Veränderung nicht anpackt.
In einer systemischen Sichtweise öffnen wir unseren Blick für die den Menschen umgebenden Kontexte in Gegenwart, Vergangenheit und angestrebter Zukunft. Wir begreifen den Menschen nicht ausschließlich als Individuum, sondern sehen ihn als Zusammenspiel verschiedener Teilpersönlichkeiten im Kontext seiner sozialen Beziehungen und äußeren Umstände.
Ein solcher Blickwinkel erlaubt es, die Symptome des Klienten in einem anderen Licht zu betrachten. Er geht weg vom Versuch, die Symptome des Klienten als Phänomen „nur vom Klienten“ zu sehen, hin zu einem Verständnis der Symptomatik als Ausdruck von Beziehungsdynamiken und Mustern der verschiedenen sozialen Systeme, deren Teil der Klient ist oder war. Etwas vereinfacht und überspitzt ausgedrückt stehen sich hier folgende Thesen gegenüber: „Das Problem liegt ausschließlich im Klienten“ vs. „Die Symptomatik des Klienten ist Ausdruck der Dynamiken der sozialen Systeme des Klienten.“
Das früheste systemische Konzept zum Verständnis von Krankheitssymptomen: die 3 Arten von Krankheitsgewinnen
Auch wenn die Systemische Therapie erst wenige Jahrzehnte alt ist, gibt es eine systemische Sichtweise bereits seit mehr als 100 Jahren. Populär geworden ist sie unter dem Namen der „3 Krankheitsgewinne“. Gemeint damit sind drei Arten von unbewussten Vorteilen, die Menschen aus ihren Symptomatiken ziehen können, und sie sind unter den eingängigen Namen primärer, sekundärer und tertiärer Krankheitsgewinn bekannt.
Übrigens: Der primäre und sekundäre Krankheitsgewinn gehen auf Freud zurück, der offensichtlich schon eine sehr systemische Sichtweise auf Krankheitssymptome hatte und in NLP-Kreisen ja durchaus ambivalent gesehen wird. Wenn du magst: Hier der Link einer Vorlesung, in der er auf die beiden Krankheitsgewinne eingeht.
Der tertiäre Krankheitsgewinn wurde dann 1973 von dem US‑amerikanischen Psychiater Daniel A. Dansak formuliert.
In diesem Artikel lege ich den Fokus auf den primären Krankheitsgewinn, über die anderen beiden sprechen wir ein andermal!
Der primäre Krankheitsgewinn
Der primäre Krankheitsgewinn beschreibt einen Vorteil, der sich direkt aus der Symptomatik ergibt. Die Umwelt spielt hier eine eher untergeordnete Rolle, im Zentrum steht die innerpsychische Funktion des Symptoms. Die Idee dabei ist folgende: Der Klient erlebt einen Konflikt im Außen. Dieser löst innerlich einen Konflikt zwischen einem Bedürfnis auf der einen Seite und einer Selbstanforderung bzw. internalisierten starren Regeln auf der anderen Seite aus, die einer direkten Lösung im Weg stehen. Es entsteht eine Zwickmühle, der Konflikt wirkt unlösbar.
Nun entwickelt der Klient Symptome, die zwei Funktionen erfüllen:
- Er muss sich nicht mehr bewusst mit dem Konflikt auseinandersetzen, weil die Aufmerksamkeit durch das Symptom gebunden wird.
- Das Symptom erlaubt eine situative Vermeidung oder Verschiebung der äußeren Konfliktkonfrontation, ohne das äußere Problem tatsächlich zu lösen.
Hintergrund: Das Strukturmodell der Psyche nach Freud Etwas genauer lässt sich dieses Spannungsfeld im Strukturmodell der Psyche nach Freud darstellen. Dieses teilt die Psyche in drei Instanzen ein: Es, Ich und Über-Ich.
- Das Es steht für unsere Triebe, Wünsche und Bedürfnisse.
- Das Über-Ich repräsentiert im Kontrast dazu die von uns verinnerlichten Normen, Anforderungen und Regeln. Seine zentrale Funktion besteht darin, sicherzustellen, dass wir uns in sozialen Systemen so verhalten, dass unsere Zugehörigkeit zu ihnen gewährleistet bleibt. Diese Zugehörigkeit geht jedoch häufig auf Kosten des Es. Dem Über-Ich widersprechende Gefühle, Impulse und Wünsche werden durch sozialkonforme Regeln tabuisiert.
- Das Ich hat die Aufgabe, zwischen diesen Instanzen zu vermitteln und Wege zu finden, wie sich die Impulse und Wünsche des Es ausdrücken lassen, ohne die Gebote des Über-Ich zu verletzen.
Doch was passiert, wenn sich kein solcher Weg finden lässt? Wenn die Impulse des Es unvereinbar sind mit den Anforderungen des Über-Ich? Dann, so die psychoanalytische Vorstellung, ist es für das Ich leichter, ein Symptom zu erzeugen, das die innere Konfliktsituation zunächst entschärft. Das Symptom stellt also einen „energiearmen“, wenn auch dysfunktionalen Weg dar, mit dem Problem umzugehen.
Beispiel: Der „starke Versorger“ im Konflikt der Instanzen Betrachten wir einen Mann, der als Familienvater die alleinige Verantwortung für das materielle Wohl der Familie trägt. In seinem Inneren baut sich ein massives Spannungsfeld zwischen den psychischen Instanzen auf:
- Die starren Regeln des Über-Ich: Die von ihm durch Kindheit und Gesellschaft internalisierte Regel könnte etwa so lauten: „Als Mann muss man stark sein. Wenn ein Mann nicht funktioniert, ist er ein Versager und weder geachtet noch geliebt!“
- Die Bedürfnisse und Wünsche des Es: Durch die stetig wachsende Verantwortung entstehen massive Überforderungsgefühle. Das Es drängt auf Triebbefriedigung in Form von Ruhe, Loslassen und dem Abbau von Druck.
- Die Zwickmühle des Ich: Auf diese Weise gerät das Ich in eine unlösbare Situation. Die Regeln des Über-Ich (Mann = stark) stehen den Bedürfnissen des Es (Ruhe, Regeneration) unvereinbar gegenüber. Durch die Angst des Ichs vor den Konsequenzen, die das Über-Ich internalisiert hat (Respekt- und Liebesverlust), wird jede mögliche Lösung, die die tabuisierten Bedürfnisse beinhaltet, blockiert.
Symptombildung als vermeintlicher Kompromiss – der primäre Krankheitsgewinn Da sich das Problem im Bewusstsein nicht durch das Ich lösen lässt, entwickelt es psychosomatische Symptome: Erschöpfung, Rückenschmerzen und außerdem eine depressive Symptomatik mit Antriebslosigkeit und innerer Leere. Diese Symptome, so leidvoll sie auch sind, haben im Sinne des primären Krankheitsgewinns auch Vorteile:
- Entlastung des Es: Durch die körperliche Unfähigkeit wird der Körper zur Ruhe gezwungen. Das Bedürfnis nach „Loslassen“ wird erfüllt und vor weiterer Überlastung geschützt.
- Beschwichtigung des Über-Ichs: Hier liegt der entscheidende psychologische Kniff. Da die Ursache nun scheinbar von außen kommend und nicht steuerbar ist, muss das Über-Ich nicht strafen. Der Mann ist nicht „faul“ oder „ein Versager“, sondern „krank“. Er würde ja gerne, aber er kann leider nicht. Sein Selbstbild als pflichtbewusster Versorger bleibt intakt.
- Schutz des Ichs: Das Ich wird entlastet, da es sich nicht mehr bewusst mit dem existenziellen Dilemma zwischen Bedürfnissen des Es und Anforderungen des Über-Ich auseinandersetzen muss. Der Konflikt wird auf die Symptomatik verschoben und somit vorläufig „gelöst“.
Wenn wir uns das Ganze mal so anschauen – schon ziemlich smart, oder? Symptome können ziemlich kluge Lösungsversuche der Psyche sein, wenn eine Lösung im Bewusstsein noch nicht möglich ist, weil sie uns zu sehr mit unseren Ängsten konfrontieren würde.
Wie geht es weiter? Bewusstwerdung!
Ziel einer Therapie wäre die Ich-Stärkung. Das Ich soll befähigt werden, den Konflikt zwischen Es (Bedürfnis) und Über-Ich (Regel) bewusst zu verhandeln, statt ihn unbewusst über die Symptomatik auszutragen.
Was noch nicht bewusst ist, kann auch nicht verhandelt werden und von daher geht es im ersten Schritt um die stückweise Bewusstwerdung von dem durch das Symptom ermöglichten Bedürfnis (Es), den internalisierten Regeln und den dahinterliegenden Ängsten (Über-Ich) und dem daraus resultierenden Konflikt (Ich).
Wenn du magst, kannst du dich mit diesem Wissen einem Thema widmen und ein paar neue Perspektiven entwickeln. Ich habe dir dafür ein paar Fragen vorbereitet.
Fragen zur Selbsterkundung
Nutze diese Fragen, um dich einem eigenen Thema oder Symptom zu nähern. Nutze sie als Inspiration, um sie in dir arbeiten zu lassen, und nicht als Fragen, deren Antwort du schon wissen solltest. Die Antworten sind meist nicht bewusst, das liegt in der Natur des Unbewussten!
- Bewusstmachung des unbewussten Bedürfnisses (Es)
- Angenommen, mein Symptom wäre nicht gegen mich, sondern auf meiner Seite: Wovor beschützt es mich? Was ermöglicht es mir?
- Was erlaubt mir dieses Symptom, was ich mir sonst nicht erlauben würde (z. B. „Nein“ sagen, Hilfe annehmen, im Bett bleiben)?
- Was kann ich aufgrund des Symptoms nicht tun, was ich sonst tun müsste, aber eigentlich nicht möchte?
- Bewusstmachung der internalisierten Regeln und damit verbundenen Ängste (Über-Ich)
- Welches Idealbild von mir selbst (z. B. „Der Fels in der Brandung“, „Die Perfekte“) versuche ich aufrechtzuerhalten, das keinen Raum für meine aktuellen Bedürfnisse lässt?
- Vervollständige den Satz: „Wenn ich mir das Bedürfnis nach […] einfach so erfüllen würde, wäre ich ein …“ (z. B. Versager, Egoist, schwach).
- Vor welchen sozialen oder emotionalen Konsequenzen (z. B. Ablehnung, Alleinsein, Beschämung) will mich diese Regel schützen?
- Bewusstmachung des Dilemmas (Ich)
- Welchem schwierigen Dilemma muss ich mich durch das Symptom nicht stellen?
- Angenommen, ich wäre morgen plötzlich symptomfrei: Welchem Problem oder welcher schwierigen Situation müsste ich mich dann stellen?
- Welchen Preis zahle ich langfristig, wenn ich mich dem inneren Konflikt nicht direkt stelle?
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, diese Fragen zu beantworten. Das ist völlig normal – schließlich heißt es „unbewusst“, weil es eben nicht im Bewusstsein liegt. Unsere psychischen Mechanismen sind gut eingespielt und oft genau so bewusst wie die Brille, die wir auf der Nase haben.
Wenn da ein Thema ist, bei dem du dich im Kreis drehst, dann lass uns gern gemeinsam hinschauen. In meinen Sitzungen biete ich dir einen sicheren Rahmen, um mit dir gemeinsam die unbewussten Dynamiken zu ergründen – schreib mir einfach Bescheid.


